Beim Tierarzt Pfötchen halten

02.07.2013 – Nordkurier

Was passiert tagtäglich in Neubrandenburg und Umgebung? In unserer 24-Stunden-Serie zeigen wir jeden Tag eine Stunde im Leben der Region und begleiten Menschen bei der Arbeit.

Nils zittert am ganzen Körper. Janus drückt seinen kleinen Freund ganz eng an seine Brust und streichelt ihn. Einen Tag lang mussten die beiden Freunde ohne einander auskommen. Fast eine Qual, sind sie doch schon seit acht Jahren ein tolles Team. Janus war gerade zwei Jahre alt, als Nils – als kleiner Welpe und nur wenige Wochen alt – ins Haus kam.

Und die beiden freundeten sich recht schnell an, obwohl der lütte Janus den Vierbeiner hin und wieder beherzt an der Rute packte. Aber diese Spielchen sind längst vergessen und die beiden ein Herz und eine Seele. Doch Nils ist in die Jahre gekommen. Seine Zähne machen nicht mehr so mit. Er wurde in Narkose versetzt und Tierarzt Jens Kirchner in Broda musste dem Hund gleich fünf Zähne ziehen.

Behandlungen und haufenweise Büroarbeit

„Ich habe mir ganz schöne Sorgen gemacht“, gesteht Janus, der ganz rote Wangen hat. Es war auch für ihn ein anstrengender Tag. Sich zu sorgen, ist eben keine feine Sache. „Vor allem, weil seine Augen immer trüber werden“, sagt Janus leise. Nils ist eben schon ein richtiger „Senior“, wie der Zehnjährige befindet, als er seinen Liebling von der Station in der Gemeinschaftspraxis der Tierärzte Norbert Schumacher und Jens Kirchner abholt. Der Rüde dürfe freilich im Haus schlafen und Janus freut sich auf die gemeinsame Zeit.

Jens Kirchner sitzt daraufhin wieder hinter seinem Schreibtisch in der Ludwig-von-Beethoven-Straße. Die Sprechstunde dauert bis 19 Uhr. In den kurzen Pausen zwischen Behandlungen und den Herausgaben von Stations-Tieren wie Nils oder den Katern Milli und Earny, die beide kastriert wurden, gibt es allerlei Büroarbeit zu erledigen.

Lilly lässt alles über sich ergehen

Aber Yorkshire-Hündin Lilly aus Blankenhof fordert sogleich seine ganze Aufmerksamkeit. Anika Hoffmann war mit der Hündin schon am Wochenende beim Tierarzt, denn Lilly hatte sich mit Bauchweh geplagt. Sie war matt, überhaupt nicht aufgeweckt und musste sich übergeben. „Sonst springt sie immer umher“, schildert Anika Hoffmann das normale Verhalten des Tieres. Aber Lilly war wie ausgewechselt: Grund genug, den Tierarzt aufzusuchen. Da macht Lilly auch keinen Aufstand. Sie lässt alles über sich ergehen. „Lilly ist gesund, wenn sie allein nur hier ist“, sagt Jens Kirchner und lacht. Er kennt Lillys Angst vorm Tierarzt.

Die Besitzer leiden oftmals sehr mit ihren Vierbeinern. Sie wollen, dass es ihnen besser geht. Das ist auch gut und schön so, bestätigt auch der Tierarzt. Aber das Hauptproblem sieht er eher darin, dass die Haustiere „immer mehr vermenschlicht werden“. Und das könne er nicht gutheißen. Dass beispielsweise einige Hundebesitzer ihren Tieren keine Struktur geben, keine Rangordnung, kann oftmals dazu führen, dass Hunde beißen.

Für Pferde-Behandlung bis Rügen

Da sie sich als Rudelführer fühlen und auch fühlen müssen, werden sie in eine Rolle gedrängt, in der sie unsicher sind und für Menschen falsch reagieren. Das sei aber ein ausgemachtes Menschenproblem und resultiere meistens aus Unwissenheit, verdeutlicht Jens Kirchner.

Er fährt auch gern aufs Land bis hoch nach Rügen und Rostock, um Pferde wieder einzurenken. Chiropraktik nennt sich das. Dadurch sollen chronische Fehlbelastungen oder Blockierungen beispielsweise durch einen falschen Sattel oder falsches Einreiten wieder ausgeglichen werden. Jens Kirchner selbst hat vier Pferde und zwei Hunde – also ein Tierliebhaber durch und durch.

Narkose, Röntgen, Labor hat seinen Preis

Der Magen-Darm-Infekt bei Hündin Lilly oder die Ohrenschmerzen bei Katzendame Lissy sind ganz normale Alltäglichkeiten in der Gemeinschaftspraxis. Aber Rüde Nils beweist, dass ein Tierarzt alles können und alle Geräte dafür vorhalten muss. „Wir sind heute ja alles“, sagt er. Von Ultraschall über Röntgen, Endoskopie bis Laboruntersuchungen werden alle Maßnahmen in der Praxis durchgeführt.

„Und das hat natürlich seinen Preis“, gibt er zu. Aber viel kosten darf und soll es ja eigentlich nicht in den Augen der Tierbesitzer. Und da herrscht dann laut Jens Kirchner die Diskrepanz. Natürlich scheinen manche Berechnungen hoch veranschlagt, so gehört beispielsweise die sichere Narkose beim Meerschweinchen zu den teuersten überhaupt. Da müsse sich der Besitzer dann entscheiden, zumal ein neues Meerschwein aus der Zoohandlung um die zehn Euro kostet.

Die Bande zwischen Mensch und Tier sind so groß, dass solche Entscheidungen einige Besitzer in Gewissenskonflikte stürzen, sie aber doch in den sauren Apfel beißen wegen ihres geliebten Tieres. Dass das in vielen Fällen aber auch eine nachvollziehbare Entscheidung sein kann, ist in den Augen des zehnjährigen Janus abzulesen, wenn er seinen Hund Nils freudig aus der Praxis trägt. So sehen Freunde fürs Leben aus.

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